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"Ostseezeitung vom 20.11.2002"


Land steht vor Ärztenotstand


Immer mehr Praxen müssen schließen


Horroszenarien für die Medizin. Fachleute

erwarten Massenentlassungen und geschlossene

Praxen durch das Beitragsstabilisierungesetz.

Schwerin (OZ/MM) "Das Problem erledigt sich von

allein - durch Suizid - oder der Patient landet in

stationärer Behandlung." Krasse Worte für die Lage

der medizinischen Versorgung in M-V fand gestern

Wolfgang Eckert, Chef der Kassenärztlichen

Vereinigung, am Beispiel der Psychotherapie. Die

Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlung in

M-V betragen derzeit ein Jahr. Und es wird noch

schlimmer.

Vertreter der Kassenärzte, der Apotheker- und

Krankenhausverbände äußerten sich gestern

einstimmig heftig über die Pläne der

Bundesregierung zur Reform des

Gesundheitswesens. Das am letzten Freitag im

Bundestag verabschiedete

Beitragsstabilisierungsgesetz wurde unisono als

zynisch, bösartig, unausgegoren und abgeschmackt

bezeichnet. Wolfgang Gagzow, Geschäftsführer der

Krankenhausgesellschaft in M-V, nannte das

Vorhaben der Regierung "Raubmord an den

Krankenhäusern".

Eckert schätzt, dass bei Fortführung dieser Politik

in sechs Jahren 40 Prozent der Hausärzte im Osten

fehlen werden. Allein für Rostock können neun

Arztpraxen nicht besetzt werden. Landärzte seien

überhaupt nicht mehr zu finden. Auf Usedom zum

Beispiel sei ein einziger Arzt. "Die Versorgung der

Urlauber ist dort nicht mehr gesichert", sagt Eckert.

Außerdem würden ältere Augenärzte, Dermatologen,

Kinderärzte, HNO-Ärzte und Chirurgen in Schwerin,

Rostock, Greifswald, Anklam, Bützow, Lübz, Warin,

Heringsdorf, Grevesmühlen, Pasewalk, Stralsund,

Ludwigslust und auf Rügen keine Nachfolger finden.

Die Praxen werden geschlossen. Grund: Der

Arztberuf lohne hier nicht mehr.

Kaum anders die Klagen der Apotheker.

Bundesweit rechnet der Verband mit 20 000

Entlassungen durch das Gesetz. In M-V würde es ein

Drittel treffen. 2300 Arbeitsplätze weniger.

Außerdem erwartet Gerhard Behnsen, Vorsitzender

des Apothekerverbandes M-V, dass die Versorgung

im ländlichen Raum fast vollständig ausdünnt. Lange

Wege für Patienten seien die Folge. Behnsen

befürchtet, "dass die Abrechnung von Arzneimitteln

zu Lasten der Kassen ab 2003 wegen ungelöster

bürokratischer Probleme im Chaos zusammenbricht."